Architektur-
vermittlung

Kinder bauen eine Stadt


Projektpräsentation des Workshops Kinderstadt in der Fachzeitschrift kindergarten heute Fachzeitschrift für Erziehung, Heft 09/2005

Die Kinderstadt
Ein Architekturprojekt


Über das vertaute Wohnumfeld hinaus beschäftigte sich eine Gruppe von Kindern mit Bauten und Besonderheiten einer Stadt. Ihre Vorstellungen und Erfahrungen brachten sie in einem dreidimensionalen Modell zum Ausdruck.

Martina Nadansky

Die Kindertagesstätte Waldwichtel in Borgsdorf liegt im Norden Berlins am Rande eines Naturparks. Das Architekturprojekt stellte dieser Lebensumgebung die gebaute Umwelt gegenüber und hatte zum Ziel, die räumliche Wahrnehmung der Kinder zu fördern und zum Ausdruck zu bringen. Wir gingen der Frage nach, welche Vorstellungen und Erfahrungen die Kinder haben und ob es gelingt, diese auch räumlich umzusetzen und eine eigene Stadt im Modell zu bauen. Die Erfahrungen der Kinder mit Architektur ergaben sich einerseits aus der eigene Wohnsituation in freistehenden Einfamilienhäusern und Reihenhäusern, andererseits aus den besonderen Bauten in Berlin, die durch Ausflüge mit Familie und Freunden in der Freizeit bekannt sind.

Projektrahmen
Die Projektgruppe bestand aus 16 Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren, die sich über einen Zeitraum von 12 Wochen jeweils einmal wöchentlich trafen. Fast jedes Treffen stand unter einem anderen Thema mit neuen Materialien, Methoden und Bauprinzipien. Zu Beginn eines Treffens gab es jeweils einen gemeinsamen Einstieg mit der Vorstellung des Tagesthemas und der Materialien. Bereits hier zeigten sich Vorlieben. Das Interesse und die Konzentration der Kinder waren je nach Thema sehr unterschiedlich. Eine Kerngruppe von sechs bis acht Kindern beteiligte sich an allen Treffen, andere kamen je nach Interesse hinzu.

Eine Stadtcollage entsteht
Um ein Gefühl für das Interesse und die Vorkenntnisse der Kinder zu bekommen, unterhielten wir uns am ersten Tag zunächst einmal über das Thema Stadt im allgemeinen. Nach der lautstarken Verneinung auf die Frage, ob Häuser laufen und essen können, zählten die Kinder auf, was Häuser können und wie sie genutzt werden: stehen, versteckt sein, Schutz vor Schnee und Regen bieten, Einbrecher aussperren, man kann in ihnen schlafen, fernsehen, spielen… Die Antworten darauf, was man in einer Stadt so alles machen kann, spiegelten die Erfahrungswelt der Kinder wider und stammten sämtlich aus dem Bereich Freizeit und Verkehr. Abschließend fertigten die Kinder gemeinsam eine drei Meter lange Collage an. So entstanden in Form eines Streubildes nebeneinander gesetzte Bilder zum Thema Bahnhof, Puppentheater, Schloss und vieles mehr. Sichtbar wurde bereits, dass der Bezug der einzelnen Elemente zueinander schwierig darzustellen und für die Kinder zunächst kein interessantes Thema war. Auch das Wohnen spielte für sie noch keine Rolle.

Turm- und Brückenkonstruktionen
Zunächst wollten wir sehen, ob die Kinder von selbst damit begannen, aus Einzelteilen eine Stadt zusammenzustellen. Daher war das nächste Thema ungeduldige Konstrukteure fragten schon, wann es denn nun endlich losginge das Konstruieren von Türmen und Brücken. Dazu wurden Styroporkugeln und Holzstäbe in unterschiedlichen Größen und Längen zur Verfügung gestellt. Styroporkugeln wirken wie ein Knoten. Sie ermöglichen das klebefreie, stabile Zusammenstecken von Teilen in alle Richtungen. Ein interessantes Experiment für die Kinder war es, wie viele Holzstäben in eine Kugel gesteckt werden mussten, bis sie zum Stehen kam. Sie erkannten, dass man mindestens drei braucht und je mehr Stäbe hinzukamen, desto komplexer, aber auch wackeliger das ganze Gebilde wurde. Dieses Experiment vermittelte den Kinder ein statisches Prinzip, das ihnen beim Bau der Modelle hilfreich war. Sie verglichen nach diesem Prinzip verschiedene Bauten wie den Fernsehturm in Berlin und den Funkturm miteinander und überlegten in diesem Zusammenhang, was es mit der Anzahl von Beinen bei Tieren und Menschen auf sich hat und warum Bäume stehen bleiben. Die Kinder umhüllten und bespannten ihre Konstruktion mit Stoff-, Papier- und Folienstücken. Dadurch entstanden Zelte, Tunnel und Höhlen, die sich sofort motivierend auf den Spielprozess der Kinder auswirkten.

Aus Schachteln werden Häuser
Nach den Erfahrungen mit dem Zusammensetzen unterschiedlicher Bauelemente beschäftigten wir uns mit der „Massivbauweise“ ((Was heißt das genau?)). Wir besorgten uns in einer Apotheke unbenutzte, unbeschriftete weiße Tablettenschachteln, die von den Kindern in unterschiedlichster Weise bearbeitet wurden. Sie begannen damit, die Schachteln zu auseinander zu falten. Die Seiten konnten die Kinder mit Hilfe von Schere, Cutter oder Locher mit Öffnungen versehen. Die Laschen boten sich an, die Formen vielfältig zu verändern. Der Bearbeitung waren keine Grenzen gesetzt: Die Kinder stapelten, reihten an- und schoben ineinander, klebten und bemalten ihre Bauwerke. Anregungen zur Verarbeitung des Materials nahmen sie gerne an und begannen daraufhin geradezu erfrischend unkonventionell, die Schachteln nach ihren Vorstellungen zu bearbeiten. So entstanden Häuser von ganz unterschiedlichem Ausdruck. Dieser Teil des Projekts hat den Kindern sehr viel, vielleicht sogar am meisten Spaß gemacht. Einige haben mehrere Tage an ihrem Haus weitergebaut, es durch Nachbarhäuser, Brücken, Schornsteine, Zäune, Außenraumgestaltung ergänzt. Überhaupt ist zu bemerken, dass jedes Kind seine eigene „Baustelle“ bearbeitet und die der anderen Kinder akzeptiert hat. Dies änderte sich jedoch in dem Moment, als die Einzelprojekte in das gemeinsame Stadtmodell integriert wurden.

Das Stadtmodell
Nach Ablauf der ersten vier Vormittage wurde deutlich, dass die Kinder mit der (möglichst) eigenständigen Entwicklung eines Stadtgrundrisses überfordert waren. Zu sehr geht die kindliche Wahrnehmung von der eigenen Person, dem eigenen Lebensraum aus, zu abstrakt ist die Vorstellung von einer Stadt als übergeordnetem räumlichen und sozialen Phänomen. Wir entschlossen uns daher, eine einfache, neutrale Grundplatte vorzubereiten, die von den Kindern nach ihren Vorstellungen gestaltet und bebaut werden konnte. Diese Platte für das Modell bestand aus einer doppelten Lage Graupappe im Format 1,40m x 1,00m. Aus der oberen Lage wurden an drei Seiten Öffnungen geschnitten, die sich auf der anderen Seite als Bergplateaus wieder einsetzen ließen. So entstand eine topografische, unbebaute Landschaft mit den Elementen Berg, Tal und Ebene, die durchaus etwas mit der Entwicklung europäischer Städte zu tun hat und insofern als authentische Voraussetzung für eine Stadtgründung betrachtet werden kann.

Berge, Täler, Ebenen
Die Einführung des Stadtmodells wirkte sehr anregend auf die weitere Bautätigkeit der Projektgruppe. Alle zuvor gebauten Häuser wurden um- und weitergebaut und an die Grundstücksverhältnisse angepasst. Dabei wurden prinzipiell drei Gebäudetypen favorisiert: das freistehende (Einfamilien-)Wohnhaus, das Hochhaus und das Schloss. Das Schloss wurde von mehreren Kindern in Gruppenarbeit auf dem schutzgebenden Berg platziert, mit Glitzerfolie beklebt und ergänzt durch eine Ansammlung von kleineren Wohnhäusern, Treppenanlagen und den Figuren der Königsfamilie. Eine andere Gruppe etablierte sich in den Tälern mit Konstruktionen wie Hochhäusern, Brücken, Stegen, Türmen. Der Bau eines Hochhauses stellte dabei besondere Ansprüche: „Wie können die gestapelten Schachteln vor dem Umkippen bewahrt werden? Und wie hält das hohe schmale Profil auf dem Boden?“ Für diese ganz realen statischen Probleme fanden die Kinder mit Hilfe von Klebelaschen gemeinsam eine Lösung. Ein anderes Tal wurde mit der Hofanlage eines Bauernhofes gefüllt. Das Haus selbst ist eine von den Kindern sehr gut beobachtete, fortgeschrittene Version eines Wohnhauses mit Satteldach. Die Fensteröffnungen wurden zusätzlich mit durchsichtigem Klebestreifen „winddicht“ gemacht. Daneben entstand eine große Fülle von unterschiedlichen Einzelhäusern, die die jeweils individuellen Beobachtungen und den Erfahrungsreichtum der Kinder widerspiegeln. Sie wurden auf dem Modell im Bereich der Ebene zum Stadtgrundriss zusammengestellt.

Gruppendynamik in der Stadt
Durch die Einführung des Stadtmodells wurden neue gruppendynamische Kräfte freigesetzt. Anfangs baute jeder in seinem Bereich und akzeptierte die „Baustelle“ des anderen. Je voller das Modell jedoch wurde, desto stärker überschnitten sich die Arbeitsbereiche. Immer häufiger wurden Häuser umgebaut, übermalt oder schlicht abgerissen, um Platz für Neues zu schaffen. Die Streitigkeiten nahmen zu, worauf sich einige Kinder sogar zurückzogen. Jetzt gab es genügend Anlass, diese Probleme in Gesprächen aufzugreifen und mit dem realen Zusammenleben in einer Stadt zu vergleichen. Die Kinder beschäftigten sich damit, wozu man einen Bürgermeister braucht, wer das Gemeinschaftsleben regelt, wer zu bestimmen hat, ob man Häuser einfach abreißen kann, welche Orte alle angehen und welche Privatraum sind. Auf diese Weise konnte mit Hilfe der räumlichen Entwicklung eines Modells das komplizierte soziale Gebilde „Stadt“ nachvollzogen werden. Dieser Lernprozess war der eigentliche Kernbereich des gesamten Projekts. Manche Kinder waren mit dieser Situation und Entwicklung überfordert, andere forderten dagegen mehr ein. Aber alle waren sich einig, dass das Projekt weitergehen sollte. Um die Aufmerksamkeit wieder auf Details zu lenken, wurden neue Bauelemente eingeführt und zwar Wattestifte und Wattekugeln in verschiedenen Größen und Formen. Diese Elemente wurden zur Veränderung und Bereicherung der Häuser, aber auch für Stadtspiele verwendet und lockerten die insgesamt angespannte Stimmung erheblich auf. Mit Spaß machten die Kinder einen Wettbewerb daraus, wer das schönste „Pickelhaus“ bauen würde.

Freiraumgestaltung
Wir beobachteten, dass die Akzeptanz des begrenzten Stadtraum wuchs. Die Kinder begannen, sich untereinander zu arrangieren. Dazu gehörte auch der Dauerstreit um den Fußballplatz, der mit seinen Toren, Tribünen und Parkplätzen raumgreifend und nach diversen Abrissaktionen in der Modellmitte platziert wurde. Speziell dieser Konflikt konnte nicht wirklich gelöst werden und das eine oder andere Bauvorhaben musste an einen anderen Platz auf dem Modell verlegt werden. Dann ging es um die Freiraumgestaltung. Die Kinder überlegten, was neben Häusern alles zu einer Stadt gehört. Sie sammelten Ideen und beschlossen, Bäume zu modellieren. Das Material dazu sammelten sie im Wald. Es entstanden Straßen, Wege, Wiesen, Plätze, Treppen und Brücken. Unter anderem auch ein Zauberwald, darin ein dreibeiniger Hochsitz. Aber noch immer gelang es nicht, den städtischen Zusammenhang - etwa in Form eines definierten Stadtzentrums oder eines Wohnquartiers - herzustellen. Die Kinder stellten sich der Herausforderung, das gesamte Modell mit Farbe zu bemalen, so dass keine Flächen mehr grau sein sollten. Routiniert begannen sie zu pinseln und die unterschiedlichen Elemente der Stadt wie Häuser, Wege, Straßen, Gärten erkennbar hervorzuheben und abzugrenzen. Störende Elemente wurden übergangen, umplatziert oder übermalt. Jetzt erst zeigte sich der Zusammenhang der einzelnen Teile und machte die Strukturen einer Stadt deutlich. In der kreativen Dichte von fast zwei Stunden und unter aktiver Beteiligung nahezu aller Kinder entstand in sozialer Zusammenarbeit tatsächlich und deutlich eine Stadt.

Resümierender Blick
Das Thema Stadt oder gar Stadtplanung ist für Kinder dieses Alters sehr komplex und zuweilen ziemlich abstrakt. Objekt, Detail und Materiallust stehen eindeutig im Vordergrund. Ein übergeordneter städtebaulicher Zusammenhang ist für sie schwer herzustellen. Er ergibt sich allenfalls im kleinen räumlichen Umfeld eines selbst gewählten „Bauplatzes“. Die Darstellung von Stadt und Architektur bezieht sich somit auf die eigene Erlebniswelt. Wohnhäuser werden als Einfamilienhäuser mit Satteldach dargestellt, der Begriff „Stadtzentrum“ weckt eher die Assoziation Hochhaus und Fernsehturm. Durch den langen Projektzeitraum ist es dann letztlich aber doch gelungen, den Zusammenhang zwischen den städtischen Elementen herzustellen. Ein übergeordnetes Thema wie die „Kinderstadt“ erlaubt die Einbindung vieler verschiedener experimenteller Methoden und Techniken. Die Lust am Bauen und Experimentieren wurde ebenso angesprochen und ausgelebt wie die Neugier auf Materialcollage und Gestaltungstechniken. Jedes Kind konnte sich individuell mit seinen Interessen einbringen und trug zum Gelingen des Gemeinschaftswerkes bei.


(Vita) Martina Nadansky ist Architektin und arbeitet als Dozentin an der Hochschule Wismar, Fachbereich Architektur. Im Rahmen ihrer Dissertation „Architekturvermittlung an Kinder und Jugendliche“ hat sie mehrere Architekturprojekte in pädagogischen Einrichtungen durchgeführt.

Tipps und Tricks, die zum Gelingen des Projekte beitragen

Tipp 1
Styroporkugeln, Wattestifte und Wattekugeln in vielen Größen gibt es im Bastel- oder Modellbauladen. Sie können gut ohne Spezialwerkzeuge bemalt, beklebt, zerschnitten werden. Zahnstocher, Eisstiele, Schaschlikspieße und Mikadostäbe kann man sammeln.

Tipp 2
In den meisten Kindertageseinrichtungen gibt es einen Materialfundus. Lassen Sie sich inspirieren oder fordern Sie die Kinder auf, Stoffreste u.ä. von zu Hause mitzubringen.

Tipp 3
Schachteln gibt es auf Anfrage in Apotheken, Kartonfabriken, Supermärkten. Sie können auch in der Vorbereitung von den Kindern individuell gesammelt werden.

Tipp 4
Neutralfarbige Pappen (Grauspektrum) gibt es im Bastel- oder Modellbauladen in den gängige Formaten 70/100 cm oder A1-Format 84/ 121 cm. Die Pappstärke sollte 2,0 oder 2,5 mm betragen, da das Modell monatelang strapaziert, beklebt, bemalt, zerschnitten, auch öfter transportiert und zum Schluss zum Spielen benutzt wird. Die Modellplatte selbst wird wegen der topografischen Bewegung der oberen Fläche als „Doppelstegplatte“ mit Zwischenstegen gebaut. Das Gesamtformat wurde für die Kinderstadt aus 2 Pappformaten zusammengesetzt (so konnte an zwei Tischen gearbeitet werden) und es ließe sich sogar noch um weitere Pappen in alle Richtungen erweitern.