Projekt Beschreibung

Kita Weiße Stadt, Oranienburg – Nichtoffener, interdisziplinärer Realisierungswettbewerb

Programm 2 Gruppen 0-3 Jahre, 4 Gruppen 4-6 Jahre
Standort Oranienburg, Weiße Stadt
Auslober Stadt Oranienburg
Baujahr 2019
Projektteam j+n Architekten/ Martina Nadansky, Oliver Jirka, TOPOS Landschaftsarchitekten/ Stephan Buddatsch

Erläuterungsbericht

Städtebau
Das Grundstück befindet sich an einer Nahtstelle – ein von freistehenden Einfamilienhäusern umgebener Grünzug entlang der Dr. Kurt-Schumacher-Straße trifft hier auf die in Bau befindlichen großformatigen 3-4-geschossigen Mietshäuser (Wohnhöfe). Südlich grenzen die geplante Grundschule und ein Seniorenzentrum an, westlich die alte Scheune, die perspektivisch als Bürgerzentrum genutzt werden könnte. Die im Grundriss an einen Bumerang oder eine Triangel erinnernde dreiflügelige Kubatur schafft durch ihre Polygonalität und Zweigeschossigkeit eine Maßstabsvermittlung zwischen den Texturen. Der Baukörper nimmt Bewegungen auf und leitet diese in andere Richtungen weiter, außerdem definiert er über die offenen Flanken Räume im Übergang vom Freiraum ins Gebäudeinnere.

Architektur
Das Organisationsprinzip der drei Gebäudeflügel mit einem zentralen Zugangs- und Foyerbereich ist aus der inneren Beziehung der Nutzungsbereiche zueinander und der Grundstücksform abgeleitet. Das Entwurfsprinzip ist aus der Überlegung entstanden, einen dem Stadtraum abgeleiteten öffentlichen Ankunftsbereich zu schaffen, der sich vom eher privaten Gartenbereich mit seiner landschaftsgärtnerischen Kleinteiligkeit unterscheidet. Die differenzierte Fassadengestaltung unterstreicht diese Intention – eine funktionale und gestalterische Verzahnung des Kita-Gebäudes mit dem Garten findet nur auf der Seite der Gruppenräume statt.

Freiraum
Die schöne Eiche bildet ein Vis-à-Vis mit der der alten Scheune vorgelagerten Eiche. Hier mündet eine wichtige Wegeverbindung zum Landschaftsraum des Oranienburger Kanals, die später von den Kindern häufig für ihre Exkursionen genutzt werden dürfte. Die beiden Eichen als naturgegebene Landmark aktiven Raumbezugs. Der eher streng gegliederte Vorplatz greift die Ausrichtung der Achse zur Stadt auf und schafft einen ersten Treffpunkt mit Sitzbänken, Fahrradständern, kleinen Beeten, Stellplätzen. Dies ist die Adresse der KiTa. Das Gebäude ist im Gegensatz zum eher geometrisch-streng gestalteten Vorplatz organisch-landschaftlich beschaffen. Den Balkonen und Terrassen vorgelagerte Rankpflanzen filtern den Übergang Garten/Gruppenräume. In der Fläche schließlich bildet ein Dreiradweg das Kernstück zum Spielen und umrundet zwei Sandspielbereiche. Die Erdmassen des Walls werden zur Modellierung eines geschwungenen Hügels zur Südseite (Grundschule) genutzt. Der Hügel bietet Möglichkeiten zur Integration einer Rutsche, Spieltiere aus Holz zum Klettern und Erkunden können in den Hügel und den bepflanzten Bereich gefügt werden. Ein Weidentunnel soll den Hügel optisch fortsetzen. Nach Osten sowie im Süden vor der Krippe gibt es kleinteilige Nutzungsbereiche für die U3-Kinder. An den langen Süd- und Südwestseiten werden durch Spielbalkone zum Teil überdachte Terrassen dem Garten vorgelagert. Aus den Gruppenräumen im Erdgeschoss sind diese direkt zugänglich.

Funktionalität/ Innenraumgestaltung
In dem dreigliedrigen Gebäude werden die Gruppenräume und alle anderen Funktionsbereiche über das zentrale, in Teilen zweigeschossige Foyer erreicht. Das Foyer ist zugleich Treffpunkt, Aufenthaltsort oder erweiterter Eventbereich für die KiTa-Gemeinde. Speiseraum, Bewegungsraum, Treppenaufgang und Objekte wie ein Wasserspender oder eine Sitzgruppe sind leicht auffindbar. Die selbständige Orientierung im Gebäude soll durch das Foyer ganz intuitiv möglich sein. Die drei Ü3-Gruppenbereiche bestehen jeweils aus zwei Gruppenräumen mit zwischengeschaltetem Nebenraum, unmittelbar angelagerten Sanitärräumen, Garderoben und Materiallagern. Diese funktionieren wie ein eigenes „Haus“ im Haus. Alle Gruppenräume haben Anschluss an den Garten oder im Obergeschoss auf den Spielbalkon. Dabei sind nach innen und außen bodentiefe Verglasungen und Sitzmöglichkeiten in den Fensterbereichen wichtig. Die vier U3-Gruppenräume belegen den Südflügel im Erdgeschoss und bieten differenzierte Betreuung, die sich bis in die Außenraumnutzung erstreckt. Über zwei kleine separate Terrassen kann eine schrittweise Eingewöhnung der Kleinen in den Spielbereich der Großen erfolgen. Wichtige pädagogische oder organisatorische Räume wie der Sprachraum (mit Bibliothek), das Büro der Kita-Leitung oder ein Dokumentationsraum sind im zentralen Bereich im Obergeschoss untergebracht. Der Bewegungsraum soll zweigeschossig werden, oben könnte er eine kleine Galerie/ Tribüne erhalten. Balkone, zwei Dachterrassen und der Luftraum zum Foyer machen die Zweigeschossigkeit erlebbar und sensibilisieren mit halböffentlichem Charakter.

Konstruktion, Baustoffe
Als Neubau kann ein Gebäude nicht „klimaneutral“ sein. Die KiTa sollte aber mit geringstmöglichem Rohstoff- und Energieaufwand konzipiert werden und wenig Boden versiegeln. Dies soll durch die zweigeschossige, nicht unterkellerte Holztafelbauweise möglich werden. Die Vorfertigung ergibt eine kurze Bauzeit – der „Rohbau“ auf der Bodenplatte kann innerhalb von nur etwa 2 Wochen errichtet werden. Durch die vorgeschlagenen massiven Holzdecken (CLT-Decken) kann auf großflächig abgehängte Decken verzichtet werden. Teile des Baus sind praktisch von der Montage an „bezugsfertig“. Als Dämmstoffe sollen Schaumglasschotter (Gründung, je nach Baugrund), Zellulose-Einblasdämmung in Außen- und Innenwänden sowie Holzweichfaser in Verbindung mit einer PIR-Gefälledämmung eingesetzt werden. Dachabdichtungen sollen bitumenfrei erfolgen.

Das Gebäude zum Anfassen
Die kleinteiligen Zonierungen vor den Gruppenräumen in EG und OG, unterstützt durch die Fassadenbegrünung, die Fassaden aus hinterlüfteten Holzverschalungen, Sitzbänke vor und im Gebäude, das Hochbeet auf einer Dachterrasse, Durchblicke in alle Richtungen machen die Kita zu einem Haus zum Anfassen.

Energetisches Konzept
Ein Niedrigstenergiestandard nach EU-Richtlinie 2010/31/EU, ein „KfW-40“-Standard oder besser ist geplant. Neubauten der öffentlichen Hand im Bildungsbereich kommt eine Vorbildfunktion auch in ökologischer Hinsicht zu. Deshalb sollte die KiTa Weiße Stadt sich an DGNB-Kriterien messen lassen. Sehr gute Wärmedämmung, Verglasungen mit Dreifach-Wärmeschutzglas, eine wärmebrückenfreie Konstruktion, eine luftdichte Gebäudehülle und mechanische Grundlüftung mit Wärmerückgewinnung sind berücksichtigt. Die vorgefertigte Holztafelbauweise der Außenwände ermöglicht sehr gute U-Werte (ca. 0,15 W/m²*K). Auch und vor allem das Flachdach ist mit der Massivholzdecke, der Gefälledämmung und der extensiven Begrünung sehr gut gedämmt, auch gegen sommerliche Übertemperatur. Die Gruppenräume werden bei sommerlich hochstehender Sonne durch die Spielbalkone und den Dachüberstand verschattet. Ein separater mechanischer Sonnenschutz ist nicht erforderlich.

Haustechnik
Der Fernwärmeanschluss der Stadtwerke Oranienburg sollte aufgrund des günstigen Primärenergiefaktors in der Heizperiode für die Heizwärme- und Warmwasserversorgung genutzt werden. Die Heizwärmeverteilung soll in den Gruppenräumen über eine Fußbodenheizung erfolgen. Für die Sommerzeit werden aufgrund des geringen Warmwasserbedarfs und relativ großer Leitungsverluste dezentrale, elektronisch geregelte Durchlauferhitzer vorgeschlagen. Diese sparen Energie, nutzen den Solarstrom vom Dach und minimieren das Legionellenrisiko.

Im gut gedämmten Baukörper soll so wenig Wärme wie möglich durch Fensterlüftung verloren gehen. Andererseits ist es nicht wirtschaftlich, die Lüftungsanlage auf die Spitzenlast auszulegen, die nur wenige Stunden täglich anfällt. Daher soll eine Grundlüftung mittels einer dezentralen mechanischen Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung auf eine Luftwechselrate von 0,4/h (ca. 150 m³/h je Gruppenraum) ausgelegt werden. In den Mittagspausen kann bei Bedarf zusätzlich über die Fenster stoßgelüftet werden. Durch dieses Konzept ist gewährleistet, dass bereits wenige Stunden nach Betriebsschluss die Raumluft wieder komplett erneuert ist – bei geschlossenen Fenstern.

Das Dach des öffentlichen Gebäudes ist grundsätzlich für die PV-Nutzung geeignet. Da der KiTa-Betrieb vorwiegend tagsüber Energie verbraucht, ist eine Stromerzeugung über eine eigene PV-Anlage, ggf. mit Batteriespeicher, naheliegend. Das Flachdach mit extensiver Dachbegrünung eignet sich dafür grundsätzlich. Die Module können mit vorgefertigten Systemen durchdringungsfrei auf dem Gründach platziert werden.